Nicht mehr hier und noch nicht da

Wir taumeln im Limbo: Ein Viertel ist bereits angekommen und dreht fleißigst Arbeitsstunden ab. Drei Viertel spielen irgendwie Alltag und bewegen sich durch eine Geisterwohnung. Die letzten Tage vor der großen Abreise sind angebrochen.

Am Sonntag gab’s einen Familienausflug zum Flughafen Wien Schwechat. Eigentlich wollte ich schon immer dieses Besucherzentrum besuchen (sic!). Aber gut, dass das Wetter gar nicht besucherfreundlich war. Es hätte nämlich eh Sonntags geschlossen. Und so mussten wir uns damit begnügen, über eine verschneite S1 wie die Schnecken zu kriechen um dann am Flughafen noch einmal gemeinsam zu frühstücken, bevor wir den Ehemann und Papa mit vielen Glückwünschen auf seine Reise schickten.

Das klingt jetzt super locker flockig, war’s aber absolut nicht. Von der Ferne glichen wir in der Abflughalle wahrscheinlich einer riesigen Krake mit diversen Gepäckstücken und Verabschiedungsmenschen als Armen und im Zentrum das warme, großherzige und von Abschiedsschmerz gezeichnete Gesicht des Mannes, den ich über alles liebe. Wer sich vor einer langen Reise schon mal von seinen kleinen Kindern verabschiedet hat, der weiß wie das aussieht.

Und jetzt, da er nicht mehr da ist, brechen auch bei mir alle Dämme ein. Als wir nach Hause kommen, sperre ich mich erst mal im Klo ein und heule los. Nicht, weil die Feuchttücher schon wieder alle sind, sondern weil ich nicht möchte, dass meine Kinder mich auch noch weinen sehen. Wir haben an diesem Tag genug gerötete, geschwollene Augen gesehen.

Sie sollen wissen, dass ich für sie da bin. Mama und Papa in einer Person. Dass sie sich auf mich verlassen können. Wenn sie eine Umarmung brauchen. Ein Pflaster auf den Daumen. Eine vierte Gute-Nacht-Geschichte. Noch eine Nachspeise.

Die Große zieht sich im kahlen Wohnzimmer in die verschwindend kleine Kuschelecke zurück, zieht die Decke über den Kopf und macht die Augen zu. Es bricht mir das Herz. Vielleicht hätten wir ihn nicht alle gemeinsam zum Flughafen bringen sollen.

Am Nachmittag gehen wir rodeln, es hat ja geschneit (ich vergaß). Und es hilft. Runterdüsen, den Bob hochziehen, jauchzen, rote Wangen, die anderen Rodler aus der Bahn schreien (oder fegen). Draußen sein, die Zeit vergessen, das was war oder sein wird. Einfach hier sein. In dieser Bewegung. Im Moment.

Seit Sonntag beginnt jeder Tag mit „Mama, ich vermiss‘ den Papa so sehr!“ und endet mit „Mama, ich vermiss‘ den Papa so sehr!“. Aber dazwischen gibt es viele Umarmungen. Bestärkungen. Wir versuchen, das Beste rauszuholen. Jeden Tag noch intensiv zu nutzen und zu genießen. Die Übernachtungsparty wahr zu machen, von der die Große seit Monaten träumt. Freunde treffen, spielen. Vielleicht nochmal im Zoo vorbeischauen. Jeden Tag auch den Alltag zu leben. Schneemann bauen im Kindergarten und Tanzstunde am Dienstag Nachmittag.

Die Kinder freuen sich über das abenteurliche Übernachten auf dem aufblasbaren Gästebett der Tante im elterlichen Schlafzimmer. Und ich versuche, ein paar Stunden ruhigen Schlaf im Kinderzimmer zu finden. Bis ich meist von ganz verqueren Träumen morgens gerädert aufwache.

Meine Gefühle brechen tagsüber unkontrolliert aus. Ich sitze im Auto und heule plötzlich los, wenn Christl Stürmer vom Dreck unter unseren Schuhen singt und ich meine Seelenfreundin M. vor Augen habe, die mir die Hand auf die Schulter legt. Oder wenn ich mit meiner Tante telefoniere und spüre, dass sie mir eigentlich viel mehr sagen möchte, als sie sich jetzt traut. Wenn ich nach einem Kindergeburtstag auf der Heimfahrt die Tränen unterdrücken muss, damit der Gegenverkehr vor meinen Augen nicht vollkommen verschwimmt. Jetzt wird sichtbar, was ich schon so lange geahnt habe: Unser Abschied lässt so viel zurück. So viele Gefühle und Menschen, Erlebnisse und Herzen. Oder vielleicht nur offen?

Denn ihr sollt wissen: Wir kommen wieder. Ob fürs AMS oder die großen Sommerferien und legendäre Geburtstagsfeste. Für Weihnachten und wenn es euch verdammt gar nicht gut geht. Wir werden da sein, so wie ihr für uns da seid. Danke dafür. Und für so viel mehr.

Ich atme tief ein. Und aus. Und nochmals ein. Und versuche es mit einem Lächeln. Alles ist gut. Alles wird so sein, wie es sein soll. So lasset die Reise beginnen.

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Ein Gedanke zu “Nicht mehr hier und noch nicht da

  1. samybee schreibt:

    Oh, vor unserem Auslandsumzug bin ich auch durch diese Tiefs gegangen. So viele letzte Male! Da saß ich schon mal heulend in Auto. Nach dem Unzug wurde es besser – so viele erste Male!

    Gefällt mir

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