The kids are alright

Ein großer Teil Alltag hat uns wieder: Die Kinder sind in Schule und Spielgruppe angekommen. Und das ist für uns Erwachsene eine Erleichterung. Aber auch ein echter Lernprozess. Wieder mal.

Montag Vormittag und ich sitze im Café mit ein paar anderen Studenten, Freelancern, Zeitvertreibern. Den Leuten, die eben grad nicht ins Büro gehen. Und warte. Eine Stunde. Wer schon mal die Eingewöhnung im Kindergarten miterlebt hat, weiß also, wie es mir grad geht.

Deja vu?

Auch wenn Sophia beim Abschied nicht geweint hat, nein, sie hat sich voll auf die Spiele gestürzt und dann freudig am bullaugengroßen Fenster gewunken, als ich vor dem Haus rausspaziert bin. Auch wenn das alles wirklich bestens gelaufe ist fürs erste Mal, ist es doch wieder ein großer großer Abschied für mich. Wir hatten das alles schon. Damals in der Mäusegruppe. Irgendwann wird es normal. Aber wenn du das erste Mal dein Kind in die Hände anderer Erwachsenen gibst, umgeben von Kindern, die sie überhaupt nicht kennen, dann ist das scary. Für uns vielleicht mehr als für die Kinder.

Unsere beiden Töchter sind wirklich bewundernswert. Sie schnupfen einen internationalen Umzug, den Wechsel von Wohnung zu Urlaubsapartment zu Haus als wäre nichts leichter als das. Und nebenbei geht die Große in die Schule, fährt jeden Tag auf Papas Gepäckträger in die Schule, egal ob Wind oder Nieselregen, und hat Spaß dabei. Ja, wirklich! Die Tochter, die sonst bei den kleinsten Regentropfen drinnen bleiben mag, erzählt mir begeistert, dass sie jetzt jeden aber auch wirklich jeden Tag zwei Mal rausgehen, egal welches Wetter ist. 

Living like the locals 

Ist das so ein Code? Passiert das automatisch wie all die anderen Dinge, wenn sie in einer Gruppe von peers sind? Sitzenbleiben beim Essen. Zweierreihe bilden. Alleine aufs Klo gehen und nicht nach Mama und Papa schreien für Begleitung und Klopapierreichen?

Es wäre fantastisch, wenn auch wir Erwachsenen so einen Schalter eingebaut hätten. Wenn wir den Ort wechseln und ortsübliche Normen, Rituale, Gegebenheiten einfach übernehmen könnten. Als wären wir schon immer hier gewesen.

Ich nehme an, wir verlernen das. Sind zu festgefahren in dem, was wir seit Jahren kennen, wie wir Dinge seit Jahren machen. Oder vielleicht haben wir einfach nur Glück und die (gar nicht mehr so) kleinen Mäuse sind einfach Naturtalente was die Anpassungsfähigkeit betrifft. Was nicht bedeutet, dass manche Dinge dann doch gleich bleiben müssen. Was es zum Frühstück gibt. Wer wen ins Bett begleitet. Sonntagsfrühstück mit allem drum und dran. Die Fotos an der Kühlschranktür.

Es ist gut, wenn ein Stückchen zu Hause auch hier ist. Damit das neue Zuhause auch schnell wirklich ein solches wird.

Der erste Schultag 

Aber jetzt bin ich abgedriftet. Eigentlich wollte ich vom ersten Tag erzählen. Vom ersten Tag der Großen in der Schule. Und von heute, also vom ersten Tag der Kleinen in der Spielgruppe (peuterspeelzaal) …. so, recap

Ankommen in Den Haag an einem Donnerstag, erster Schultag am Dienstag drauf. Nach einem gefühlt verlängerten Urlaubswochenende ging es also endlich in die Schule! Die große Maus hat schon die Nächte gezählt und weil wir ihr vor lauter Aufregung den ersten Schulmorgen nicht verpatzen wollten, gab es auch schon am Vorabend die heiß ersehnte Schultüte. In den Niederlanden ist so was nicht unbedingt üblich, außerdem, wo findet man mitten unterm Schuljahr so was selbst in Wien? Also hat die supertalentierte und kreative Godl daheim noch einen Traum von Schultüte gebastelt, den ich dann mit größter Vorsicht fertigstellen und befüllen durfte. Die Freude war sichtlich groß.

Die Schule beginnt hier um 8.45 Uhr. Zumindest die Schule unserer Kinder, die Europäische Schule von Den Haag. Das ist mehr als human, denn selbst bei dem timetable mussten wir am ersten Schultag in kompletter Finsternis aus dem Haus starten. Hallo Westen, Rand der Zeitzone. Das was am Abend noch ein paar Sonnenstrahlen länger bedeutet fehlt in der Früh. Also aufstehen ist jetzt noch immer sehr schwer.

Das erste und einzige Mal übrigens, dass wir bis jetzt mit dem Bus in die Schule gefahren sind. Wegen der Schultüte und der Aufregung. Sonst nur noch mit dem Rad. Die Öffis sind okay hier, es gibt Bussi und Straßenbahnen. Aber untertags wartet man im Schnitt 15 Minuten und da ist man oft zu Fuß schneller. 

Die Große wollte ihre Schultüte verständlicherweise nicht aus der Hand geben. Weder bim Hin- noch beim Zurückfahren. Sie sah sehr abgekämpft aus aber da gab’s kein Quängeln. Schultasche haben wir keine, die Kids brauchen in der Nursery weder Federpenal noch sonstige Materialien. Und selbst in der Primary rennen die Kids hier eher mit einem leichten Rucksack herum als mit den monströsen Schultaschen, an die ich mich noch aus meiner Zeit erinnere. Das beruhigt. Rückenschmerzen kommen noch früh genug.

Gelebtes Europa 

Die Kinder in der Klasse sprechen alle deutsch, entweder als Mutter- oder als zweite Sprache. Da kommt also schon in der Früh bei der Garderobe ein Sprachengewirr auf mit Portugiesisch, Spanisch, Französisch, Ungarisch, Polnisch. Gelebtes Europa. Der Klassenraum ist groß und in verschiedene Ecken eingeteilt, Maltisch, Leseecke, Bausteine sind da, Buchstaben und Zahlen an den Wänden, alles ist sehr locker, kindgerecht und bunt. Und eine Verkleidungskiste. Spätestens jetzt ist klar: Das war die richtige Wahl.

Nach dem ersten Tag hole ich die begeisterte Große vor dem Mittagessen da. „Und was hast du heute gemacht?“ „Wir waren gleich draußen, aber ich konnte dort gar nicht spielen. Ein Mädchen hat mich die ganze Zeit herumgeführt und mir alles gezeigt.“ Ich schmunzle. Einen Buddy hat sie also schon gefunden.

Wie schnell dann alles Normalität wird zeigen die nächsten Tage. Da erzählt sie mir dann von einem niederländischen Lied, das sie gelernt hat. Von einem neuen Buchstaben. Dem ersten Mittagessen in der Kantine. Von den großen Kindern im Turnunterricht. Und auch von den ersten blöden Kommentaren der großen Jungs. Und ja, das gehört auch dazu. Zum Schulkind sein.

Ein großer Schritt für die Kleinste 

Fast forward zwei Wochen später also darf nun auch die Kleine endlich ihre peuterspeelzaal besuchen. Und auch da haben wir offenbar einen guten Griff gemacht. Die Spielgruppe ist kleiner als die Kindergartengruppe, die Kids sind vorwiegend aus Den Haag aber es gibt auch ein paar internationals dabei. Ein Mädchen mit finnischen Eltern, ungarische, slowakische. Sophia verliebt sich gleich mal in die Assistentin, die zufälligerweise Familie in Österreich hat und sie dadurch mit ein bisschen Deutsch schnell ködern kann, auch Niederländisch zu sprechen. Am zweiten Tag bleibt sie schon bis zum Mittagessen und zählt danach stolz die Farben auf, die sie heute gelernt haben. Auf Niederländisch natürlich. Die wird wohl die erste von uns sein, die mit den locals auf Du und Du plaudert 😉

Und jetzt?

Und jetzt ist es also soweit: Alle sind angekommen, die drei pannekoeken. Und so wie die Gespräche an den Nebentischen im Café langsam sprudeln, wird es plötzlich ganz still in mir drin. Ich schaue auf, blicke durchs Fenster, in den nassgrauen Himmel über den Nachbarhäusern. Und ich weiß: Bis hierher ist alles gut geworden. Und auch jetzt, für mich, wird alles gut. An manchen Tagen gelingt es mir besser, daran festzuhalten, an manchen weniger. Aber ich weiß es: The kids are alright. And so will I be. 

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