In No Woman’s Land

Ich dachte das Niemandsland hätte ich verlassen. Hänge aber noch immer hier fest. Von einer fehlenden BSN Nummer und dem ersten Anflug von Identitätsverlust hier in der neuen Heimat.

Es ist nicht so, als wären wir nach Australien ausgewandert. Mit dem Flieger sind es von Wien nach Den Haag grad mal zwei Stunden. Wir sind innerhalb der EU umgezogen. Das heißt: Kein Visum. Keine Arbeitsbewilligung. Kein Geld wechseln. Wir waren ein paar Stunden hier und viele Dinge, die wir für selbstverständlich nehmen, haben hier sofort weiterfunktioniert: Das Handy. Die Bankomatkarte. Das freie Bewegen ohne Pass- oder Gesichtskontrolle. 

In die Niederlande zu ziehen sei Auswandern light habe ich schon vor Abflug gescherzt. Es ist jetzt nicht ein absoluter Kulturclash. Das Essen ist nicht komplett anders, die Zeitung kann ich sogar ein bisschen ohne Dutch Kenntnisse lesen und auch der Verkehr funktioniert gleich. Aber dann muss ich schon zugeben, dass hier einiges anders funktioniert als zu Hause. Nicht schlechter, nicht besser, einfach nur: Anders. Und daran muss frau sich auch erst gewöhnen.

Ohne BSN kein gar nix

Als EU-Bürgerin geht es mir also eigentlich recht kommod hier. Ich habe sogar (theoretisch) Anspruch auf mein Arbeitslosengeld aus Österreich, wenn ich hier einen Job suche. Theoretisch funktioniert das ja ganz einfach. Beim Arbeitsamt als Arbeitssuchende melden und schon unterstützt mich das AMS auch hier in den Niederlanden.

Wenn da nicht die Sache mit der BSN Nummer wäre. Das ist so etwas wie in Österreich die Sozialversicherungsnummer. Eine eindeutige Nummer die jeder Niederländer, jede Niederländerin bei der Geburt bekommt und alle anderen Zuagroastn bei der Registrierung bei der Gemeinde, gemeente. Mit der Nummer geht dann alles: Konto eröffnen, Handy anmelden, für einen Job bewerben, brav Steuern zahlen. Da geht’s dann los. 

Wenn man aber Glück hat und quasi als Anhängsel eines Ehemannes einreist, der hier für eine internationale Organisation arbeitet, und damit schon ein bisserl außerhalb vom (Sozial)System steht, dann wird es ein wenig komplizierter. Dann schalten sich nämlich andere Behörden dazwischen, die sichergehen wollen, dass auch alles diplomatisch abläuft. Und das kann dan mitunter länger dauern. Viel länger.

Somit warte ich noch immer auf meine Nummer, die wegen eines Produktionsengpasses eines anderen Ausweises grad nicht beantragt werden kann. Erinnert mich an Schilda. Oder an Asterix erobert Rom und den irrwitzigen Passierschein A38. 

Selbst ist die Frau – oder eben nicht

Ich bin es von klein auf gewohnt, Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Zu erledigen, organisieren. Und somit ist die Situation hier gerade für mich ein kleiner Super-GAU. Ich kann nur warten und warten und hoffen, dass sich die Numme bald vor mir materialisiert. Es ist ein täglicher Kampf mit mir selbst, mich in Geduld zu üben. Ich möchte Blumen pflanzen, aber jemand hat ganz keck Erde und Rechen an meine Seite gelegt und mir die Hände gefesselt.

Alles der Reihe nach 

Aber irgendwie gelingt es mir doch im Kleinen, diese Pause auf ärztliche Anordnung bewusst zu nutzen. Ich tue die Dinge, die sonst hintenanstehen würden und die für den Moment zu meinen Hauptaufgaben werden: Das Haus fertig einrichten (zumindest die letzten Kisten in der Garage zu verstauen), ins Yogastudio gehen, ein Lieblingscafé für die Office Vormittage finden, am Spielplatz in der Sonne sitzen, ins Museum gehen, Musik hören, Vokabel lernen, jeden Montag frische Blumen kaufen, Mittwoch Mittags mit der ganzen Familie in der Stadt essen, mit den Kids einen Schneemann bauen, Muffins backen für den cake sale in der Schule, eine Heilpraktikerin finden, zum Chiropractor gehen und endlich die leidigen Rückenschmerzen los werden, ein Netzwerk aufbauen mit neuen Freunden, Bekannten, Spielgefährten und Babysittern. 

Es bleibt Zeit, das Leben auszufalten, hin und her zu drehen und nochmal zu schauen: Wie fühlt sich das an? Haben wir noch etwas mitgenommen, was wir nicht brauchen? Wollen wir das behalten? Haben wir dafür etwas anderes gefunden? Was braucht jeder von uns, um sich jetzt wirklich zu Hause zu fühlen? Mit wem möchten wir unsere Erlebnisse teilen, mit wem sind wir auf einer Wellenlänge? Wie entwickeln sich unsere Beziehungen als Familie, als Eltern, Kinder, als Paar, mit unserer Familie und unseren Freunden zu Hause und wie mit den neuen Menschen in unserem Leben?

Was wären die großen Erfolge? 

Es ist noch nicht einmal ein Monat vergangen und ich weiß, wenn ich ehrlich mit mir bin, haben wir schon viel mehr geschafft, als ich zugestehe. Die Kinder sind gut angekommen, es gibt keine tränenreichen Abschiede in der Schule oder in der Spielgruppe. Ich stehe jeden Tag auf und habe einen Plan, liege nicht paralysiert im Bett und schleppe mich durch den Tag. Ich habe Telefonnummern von Menschen in meinem niederländischen Handy, die ich anrufen kann, wenn der Strom ausfällt, wenn die Kinder plötzlich krank werden oder wenn ich einen Nachmittagskaffee brauche. Ich weiß, dass ich mir selbst wieder mal am meisten abverlange. Vielleicht ist es gut, diesen Monatstag zu feiern. Mit all den Erfolgen, die wir darin schon verzeichnen können. Und auch mit den vielen offenen Punkten. Denn wenn es die nicht gäb, dann wäre es ja langweilig.

Ich habe also keinen fixen Plan für die nächsten Monate, bis Sophia in die Schule geht. Oder für das nächste Jahr oder die nächsten drei, die wir hier verbringen werden. Ich habe ein ungefähres Bild und viele Projekte, die in meinem Kopf schwirren. Da ist vieles dabei – alles wird nicht möglich sein. Aber ich weiß meine Prioriäten für das heurige Jahr und das ist schon viel wert. 

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