Heimat, fremde Heimat

Nach dem ersten Besuch in Den Haag ging es für mich für ein paar Tage nach Wien. Heimweh? Hab ich nicht, dachte ich vorm Abflug. Und was dann passiert ist hätte ich nicht erwartet. 

72 Stunden Wienrausch

Meinen ersten Besuch in der alten Heimat verdanke ich dem AMS. Exakt drei Monate nach unserem Abflug in die Niederlande setze ich wieder am Flughafen Wien Schwechat auf. Verspätet, übermüdet, vom Schneechaos irgendwie gar nicht überrascht. Schließlich ist ja April (und der macht was er will …). Ein langer Reisetag und irgendwann nach Schnellbahn und Schnellbahn und Taxi falle ich dann hundemüde ins Bett. Da draußen liegt meine Stadt, eingewickelt in eine Schneedecke. Als wäre ich erst gestern von hier weggegangen.

Später Winterschlaf?

Am nächsten Morgen ist alles grau. So wie es immer passiert, wenn es hier schneit. Deja vu irgendwie aber trotzdem ist etwas anders: Unter den letzten Schneeresten begraben liegen Blütenhaufen, die Vögel lassen sich auch nicht vom plötzlichen Wintereinbruch beirren. Hallo, wir sind hier und wir wollen unsere Flügel ausstrecken! Eine Hummel sitzt auf dem Gehsteig vor mir. Wir warten beide bis es grün wird. Meine Ampel schaltet um, sie bleibt dann doch noch sitzen. Gut so, denk‘ ich mir. Lass‘ dich nicht hetzen.

Kein Anschluss unter dieser Nummer 

Beim AMS gibt es dann ein paar Verständnis- und Kommunikationsprobleme (1. Ich bin zu früh. 2. Ich will doch tatsächlich am Wochenende wieder in die Niederlande fliegen um dort weiter Job zu suchen). Ich fühl‘ mich wieder mal nicht verstanden (so wie bei jedem Besuch am Amt), der Sachbearbeiter hat auch nur leere Phrasen parat. Am Ende entscheide ich mich, mich nicht weiter zu ärgern oder Energie aufzuwenden. Ich hatte das in den letzten Monaten einfach schon zu oft. Dankeschön. Ich verwende die Kraft lieber auf meine eigenen Dinge, um die ich mich schon vor Monaten wenn nicht Jahren hätte kümmern sollen.

Ich geh‘ dann raus auf die Straße und fühle mich plötzlich sehr fehl am Platz. Als würde ich Schule schwänzen während ich eigentlich ganz wo anders sein sollte. Ist das noch meine Stadt? Habe ich überhaupt die Berechtigung hier zu sein und um Verständnis zu bitten? Oder habe ich in den letzten drei Monaten noch durch kaum sichtbare Bande an Dingen, Sicherheiten hier festgehalten, die eigentlich schon längst vergangen sind?

Krafttankstelle

Nach dem offiziellen Teil des Heimatbesuchs widme ich mich dann umso lieber den schönen Dingen auf dem Terminplan … Kraft tanken bei meiner Shiatsupraktikerin, ein Spielenachmittag mit meinem liebsten Zweijährigen, Abendessen, Plaudern, Anstoßen mit Freundinnen. Und irgendwann kommt dann auch am nächsten Tag auch die Sonne wieder heraus und taucht mein Wien in das warme Frühlingslicht, mit dem es mich so oft bevor bezirzt hat. Im Schönbrunner Schloßgarten strahlen die Tulpen in prächtigen Farben. Jeder Baum, jeder Strauch atmet laut und tief auf, wir sind wieder da und jetzt schlafen wir nicht mehr. 

Sleep less, feel more

Mein Schlaf kommt dieser Tage definitiv zu kurz, aber auch den werde ich wieder aufholen. Dafür habe ich endlich wieder Zeit für ein paar ruhige Minuten auf der Yogamatte. Was das Leben um mich herum und an mir auch rüttelt, da wo ich meine Matte ausrolle, wird alles klar und leicht. Auch wenn es weh tut, zu fühlen.

Was ich an Wien vermisst habe, fragen mich alle. Meine Freunde. Meine Familie. Vielleicht den Vormittagskaffee im Dommayer. 72 Stunden sind dann viel zu kurz, um alle zu treffen und alles zu unternehmen, was doch auf der bucket list stünde. Ein Haselnusseis vom Tichy ist nicht drin, dafür ein halber Kilo Brot für den daheimgeblienen Göttergatten. Aber der Rest? Ist nicht so schlimm. 

Ich bin und bleib ein echtes Wiener Mädl. Ich kenn‘ den Grant, ich kann sudern, ich werd‘ das goldene Wienerherz auch immer in mir tragen. Zu Hause fühle ich mich jetzt in Den Haag. Wo ich jeden Tag mit dem Rad fahre. Wo ich schon fast keine Haube mehr brauche, wenn ich beim Wind rausgehe. Wo ich am Meer meinen Kopf auslüften kann. Wo ich auf der Straße ohne Hetz‘ zwanzig Minuten mit der hochschwangeren Nachbarin verquatsche. Wo wir uns in so kurzer Zeit ein Leben eingerichtet haben, das für uns alle passt.

No way back

Plötzlich wird mir bewusst, dass ich mich im Jänner zwar physisch verabschiedet habe, aber irgendetwas von mir noch immer hier herumhängt. Und ich – aus Angst, aus Gewohnheit, aus Faulheit – Dinge noch nicht abgeschlossen habe. Es versetzt mir kurz einen Stich, aber dann breitet sich vor mir etwas aus, das ich ohne diese kurze Reise zurück in der Zeit nicht gesehen hätte: Das was jetzt ist. Das was noch alles kommen wird. Nichts hält mich hier. Wir haben bereits alles mitgenommen, was in unseren kleinen Rucksack passt. Und was noch übrig ist, muss ich jetzt endlich vor die Tür stellen und hier lassen. Es tut nicht weh, ich habe es ja bereits einmal gemacht. Aber wohl nicht laut genug. Und deshalb. Jetzt. Hier: Ich lasse die Kisten, den Rest da. Ich brauche sie nicht mehr. Ich freue mich, wenn diese Schätze jemand anderem das Leben bereichern werden.

Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut

Als beim Rückflug am Samstag Abend die ersten Niederländer zum Gate kommen und über den Schnee in Wien plaudern, entkommt mir ein Grinsen: Ich hab‘ die Sprache vermisst. Das lautmalerische Singen in meinen Ohren. Noch brauche ich zwischendurch immer Englisch, wenn ich im Flieger mit dem Sitznachbarn aus Zeeland plaudere. Aber mein Niederländisch findet er schon ganz schön leuk. Und eines haben wir gemeinsam: Wir fliegen beide naar huis

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